FRANKFURT (dpa-AFX) – Der alten Börsenweisheit "Sell in May" zu folgen könnte sich in diesem Jahr lohnen. Hat doch der Dax seit Jahresbeginn um beeindruckende rund 17 Prozent zugelegt. Es gibt also Gewinne mitzunehmen – zum Wochenauftakt dürften zudem die neuen Strafzölle der USA für deutliche Verluste sorgen. Beim Broker IG wurde der Dax knapp drei Stunden vor Handelsende mit einem Minus von rund eineinhalb Prozent taxiert.

US-Präsident Donald Trump hat im Handelskrieg mit China den Druck drastisch erhöht. Sonderzölle auf Wareneinfuhren im Wert von 200 Milliarden Dollar sollen schon ab Freitag von bisher zehn auf 25 Prozent erhöht werden, wie er am Sonntag auf Twitter ankündigte. Die Verhandlungen über ein Handelsabkommen kämen zu langsam voran, schrieb Trump zur Begründung. China versuche nachzuverhandeln, dies wolle er nicht zulassen.

China erwägt im Gegenzug einem Bericht zufolge eine Absage der für diese Woche in Washington geplanten Handelsgespräche. "China sollte nicht mit der Pistole am Kopf verhandeln", zitierte das "Wall Street Journal" am Montag eine Quelle, die über die Lage unterrichtet worden sei. Eine Entscheidung, die Verhandlungen fortzusetzen, sei in Peking noch nicht getroffen worden. Dies dürfte die jüngste Gewinnserie unterbrechen.

An vierzehn der vergangenen fünfzehn Handelstage ist der Dax zuletzt gestiegen. Gaben die Kurse einmal nach, kamen prompt Käufer an den Markt. Zuletzt waren die Gewinne jedoch überschaubar. Bei 12 400 Punkten wurde die Luft dünn für den Dax. Analyst Martin Utschneider vom Bankhaus Donner & Reuschel spricht von einer Konsolidierung. Diese sei "durchaus gesund und dient zum Abbau der kurzfristig überkauften Lage".

Für ein "Sell in May" sei es noch etwas zu früh, argumentiert Marktexperte Jörg Scherer von der Bank HSBC. Der Mai sei zwar ein "herausfordernder Börsenmonat", noch verspüre der Dax aber Rückenwind, nicht zuletzt von der günstigen charttechnischen Lage. Warnzeichen gebe es allerdings in den USA: Dort habe zwar der marktbreite S&P 500 zuletzt ein Rekordhoch markiert, aber nicht mehr die Kurse großer Transportkonzerne. Diese gelten erfahrungsgemäß als Vorläufer für den Markttrend.

Weitere Kursgewinne erforderten steigende Gewinne der Unternehmen, sagt David Bianco vom Vermögensverwalter DWS. Während sich die Börsen in diesem Jahr stark erholt haben, sind dem Strategen zufolge die Gewinnprognosen weiter gesunken. Zwar hinkten die Analysten mit ihren Schätzungen regelmäßig dem Markt hinterher; ein Blick auf den US-Markt für Aktienoptionen zeige jedoch, dass sich dort "eine gewisse Sorglosigkeit, wenn nicht sogar Euphorie" breitmache.

Beide Experten konnten bei ihrer Einschätzung nicht mehr den Paukenschlag vom Wochenende berücksichtigen: Nach dem lange Zeit eine trügerische Ruhe im amerikanisch-chinesischen Handelskonflikt geherrscht hatte, kündigte der US-Präsident am Sonntag Zollerhöhungen für die Einfuhr chinesischer Waren ab diesem Freitag an. Donald Trump zeigte sich in einem via Twitter verbreiteten Beitrag unzufrieden über die Geschwindigkeit der Verhandlungen. Ob es sich bei den Äußerungen um reine Verhandlungstaktik oder mehr handelt und wie Börsianer diese Entwicklung einordnen bleibt abzuwarten.

Anleger dürften also genau auf die Quartalszahlen und Prognosen der Unternehmen schauen. Immerhin öffnen in der kommenden Woche mehr als ein Drittel aller Dax-Schwergewichte die Bücher. Darunter illustre Namen wie BMW , Siemens , Deutsche Telekom und Deutsche Post . Bei BMW, Siemens und der Deutschen Telekom waren die Anleger zuletzt vorsichtig, die Aktienkurse blieben seit Jahresbeginn weit hinter dem Anstieg des Dax zurück.

Rückenwind für Aktien könnte in den kommenden Wochen von ganz anderer Seite wehen: "Die Dividendensaison bringt einen neuen Ausschüttungsrekord", sagte Uwe Burkert von der Landesbank Baden-Württemberg. Knapp 40 Milliarden Euro dürften allein die Dax-Konzerne an die Aktionäre verteilen, fast sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Dividenden besserten die Performance erheblich auf: In den vergangenen gut 30 Jahren machten diese knapp ein Drittel der gesamten Dax-Performance aus, so der Volkswirt./bek/mif/ag/he/he

— Von Benjamin Krieger, dpa-AFX —