MADRID/BARCELONA (dpa-AFX) – Die Abspaltung Kataloniens von Spanien soll offenbar schon in fünf Tagen erklärt werden: Für Montag haben die Parteien der separatistischen Koalitionsregierung in Barcelona eine Plenarsitzung des Regionalparlaments einberufen, bei der wohl die Unabhängigkeit ausgerufen werden soll. Drei Tage nach dem Sieg des "Ja"-Lagers beim umstrittenen und chaotischen Referendum der Katalanen über die Loslösung warnte die Zentralregierung die Regionalregierung in Barcelona erneut in scharfem Ton vor einer Loslösung. Berlin schloss eine Vermittlung in den sich täglich zuspitzenden Konflikt aus.

Nach neuen Massendemonstrationen von Hunderttausenden gegen Polizeigewalt während des Referendums und für die Abspaltung ihrer Region hatte der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont bekräftigt, Katalonien wolle sich binnen weniger Tage für unabhängig erklären. "Keine Gesellschaft sollte einen Zustand akzeptieren, den sie nicht will", sagte er. Ein mögliches Eingreifen der Zentralregierung in Madrid halte er für einen Fehler, sagte der 54-jährige liberale Politiker der BBC. Puigdemont betonte, derzeit herrsche Funkstille zwischen Barcelona und Madrid.

Beim Referendum hatte eine deutliche Mehrheit der Teilnehmer am Sonntag für eine Unabhängigkeit Kataloniens gestimmt. Die Abstimmung war trotz eines Verbots durch das Verfassungsgericht und gegen den Willen der Zentralregierung abgehalten worden. Allerdings war die Beteiligung mit 42 Prozent niedrig und Gegner einer Abspaltung dürften der Abstimmung überwiegend fern geblieben sein. Beim harten Einsatz der von Madrid entsandten Polizeieinheiten zur Verhinderung der Abstimmung wurden nach Angaben der Regionalregierung fast 900 Menschen verletzt.

Der spanische Justizminister Rafael Catalá warnte Katalonien vor einer Unabhängigkeitserklärung. Madrid werde "alle zur Verfügung stehenden Mittel" einsetzen, um zu garantieren, dass die Gesetze befolgt würden, sagte er. Alle vom Regionalparlament verabschiedeten Gesetze, die als rechtliche Grundlage für die Abspaltung der wirtschaftsstarken Region dienen sollten, seien vom Verfassungsgericht als illegal außer Kraft gesetzt worden, sagte er. "Eine Minderheit will diesen Quatsch aber dennoch durchsetzen." Medienberichten zufolge hat die Zentralregierung alles vorbereitet, um gemäß Verfassungsartikel 155 die Regionalregierung abzusetzen und die Region vorübergehend von Madrid aus zu verwalten.

Aber viele der 7,5 Millionen Katalanen pochen auf ihre "Andersartigkeit", auf ihre katalanische Sprache und Kultur, die so gar nichts mit dem Rest des Landes gemeinsam hätten. Der Wunsch nach Selbstbestimmung der Region im Nordosten Spaniens an der Grenze zu Frankreich hat tiefe Wurzeln und ist Jahrhunderte alt. Für Spanien wäre der Verlust der Region von der Größe Belgiens mit einer überdurchschnittlich hohen Wirtschaftskraft und einem große Steueraufkommen ein harter Schlag.

Sowohl die EU wie auch die Bundesregierung lehnten es erneut ab, sich in den Konflikt einzumischen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und auch die EU-Kommission bezeichnen das Problem weiter als eine innerspanische Angelegenheit. "Die Bundeskanzlerin strebt keine Vermittlungsmission an", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin. "Für die EU-Kommission ist das eine interne Angelegenheit Spaniens", bekräftigte auch der Vizepräsident der Brüsseler Behörde, Frans Timmermans, am Mittwoch in Straßburg zum Auftakt einer Debatte des EU-Parlaments über die Lage in Spanien.

Der SPD-Fraktionsvize Axel Schäfer sieht die Schuld für die Eskalation vor allem bei Spaniens konservativem Ministerpräsidenten Mariano Rajoy. "Er hat alles unterlassen, um einen modernen föderalen Staat aufzubauen", bemängelte Schäfer in Berlin. "Die Entwicklung in Katalonien war abzusehen: Anstatt den stolzen Menschen in dieser wichtigen Region weitreichende Autonomie zu gewähren, versucht es Rajoy mit autoritärem Zentralismus."

Rajoy gerät auch in Madrid immer mehr in die Kritik. Die Sozialisten (PSOE), zweitstärkste Kraft im Madrider Parlament, warfen ihm erneut mangelnde Dialogbereitschaft vor. Die "Nummer drei" in Madrid, die linke Protestpartei Podemos, betonte der Sturz von Rajoys Minderheitsregierung sei nun der einzige Ausweg.

Nach seiner Fernsehansprache an die Nation am Vorabend wurde auch Spaniens König Felipe VI. in Spanien heftig kritisiert. Der Monarch betonte dabei, der Staat müsse die verfassungsmäßige Ordnung garantieren. Ein Aufruf zum Dialog oder auch nur Mitgefühl mit den Verletzten vom Sonntag kam nicht über die Lippen des Königs. Die Bürgermeisterin der wichtigen Gemeinde L’Hospitalet de Llobregat in der Nähe von Barcelona, die Sozialistin Núria Marín, die nicht dem Separatisten-Lager angehört, klagte auf Twitter: "Wir haben mehr erwartet, eine für Dialog und Konsens offene Tür. Ich bin besorgt, sehr besorgt."

Die Sprecher der katalanischen Koalitionsparteien einigten auf die Einberufung einer Plenarsitzung am 9. Oktober. Einziger Tagesordnungspunkt sei die "Analyse" der Ergebnisse des Referendums und "deren Auswirkungen", hieß es. Ob es am Montag eine Abstimmung über die Unabhängigkeit geben wird, wurde jedoch vorerst nicht mitgeteilt. Die separatistischen Allianz Junts pel Sí (Gemeinsam fürs Ja) und die kleine Linkspartei CUP, die Katalonien gemeinsam regieren, haben in Barcelona eine absolute Mehrheit der Sitze./er/DP/jha