SEOUL (dpa-AFX) – Die selbst erklärte Atommacht Nordkorea hat südkoreanischen Angaben zufolge ihre Waffentests fortgesetzt – und die internationale Gemeinschaft damit erneut gereizt. Das Militär des Nachbarlandes habe am Donnerstag zwei Flugkörper abgefeuert, bei denen es sich vermutlich um Kurzstreckenraketen gehandelt habe, teilte der Generalstab der südkoreanischen Streitkräfte mit. Die Wachsamkeit sei für den Fall weiterer Tests verstärkt worden. Das Präsidialamt in Seoul äußerte sich "tief besorgt", nachdem es bereits nordkoreanische Waffentests vom Samstag kritisiert hatte.

Die Tests werden in Seoul auch als Versuch der kommunistischen Führung Nordkoreas gesehen, den Druck auf die USA zu erhöhen. Seit dem Scheitern des zweiten Gipfeltreffens zwischen US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un im Februar in Vietnam ist die Verunsicherung in der Region gewachsen.

Beide Seiten konnten sich damals nicht in der zentralen Frage der atomaren Abrüstung Nordkoreas einigen. Pjöngjang forderte dabei vergeblich eine Aufhebung eines Großteils der internationalen Sanktionen gegen das Land. Die Sorge weltweit ist groß, dass sich die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel nach einer zwischenzeitlichen Annäherung Nordkoreas an die USA und Südkorea im vergangenen Jahr wieder verschärfen könnten.

Bei dem jüngsten Test flogen südkoreanischen Angaben zufolge eine Rakete 420 Kilometer und eine andere 270 Kilometer weit, bevor sie vor der Ostküste Nordkoreas ins Meer landeten. Demnach wurden die Raketen im nordwestlichen Teil des Landes bei Kusong im Abstand von zehn Minuten gestartet. Die Stadt liegt etwa 40 Kilometer von Sino-ri entfernt, wo Nordkorea eine Basis für Mittelstreckenraketen betreibt. Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtete unter Berufung auf Experten, Nordkorea könnte jetzt vermutlich ballistische Raketen des Typs Scud oder eine neue Art von Boden-Boden-Raketen abgeschossen haben, die das Land wahrscheinlich bereits fünf Tage zuvor erprobt habe.

UN-Resolutionen verbieten Nordkorea – das mehrfach Atombomben getestet hat – die Starts von ballistischen Raketen kurzer, mittlerer und langer Reichweite. Solche Raketen sind in aller Regel Boden-Boden-Raketen, die einen konventionellen, chemischen, biologischen oder atomaren Sprengkopf befördern können.

Sollte Nordkorea am Donnerstag erneut ballistische Raketen getestet haben, wäre dies ein Verstoß gegen die UN-Auflagen. Südkoreas Militär beschrieb den Raketentyp zunächst nicht weiter. Zusammen mit den USA würden die Daten über den Test weiter ausgewertet, hieß es.

Erst am Samstag hatte Nordkorea nach eigenen Angaben Mehrfach-Raketenwerfersysteme mit größerer Reichweite und taktische Lenkwaffen getestet. Experten vermuten, dass dabei ein ballistisches Raketensystem erprobt wurde. Südkoreas Regierung sprach zunächst offiziell von "Projektilen kurzer Reichweite". Sie rief Nordkorea auf, alles zu unterlassen, was neue Spannungen schüren könnte.

Die Waffentests erfolgen zu einer Zeit, da sich Südkorea und die USA um die Wiederaufnahme des stagnierenden Dialogs mit der international isolierten Führung in Pjöngjang bemühen. Dabei diskutieren Seoul und Washington untereinander auch über eine mögliche humanitäre Hilfe für Millionen von Nordkoreanern, die laut Untersuchungen der Vereinten Nationen vom Hunger bedroht sind.

Derzeit befindet sich der US-Sonderbeauftragte für Nordkorea, Stephen Biegun, zu Gesprächen in Seoul. Es wird vermutet, dass er dabei mit der südkoreanischen Regierung neben dem weiteren Vorgehen im Atomstreit auch über Nahrungshilfen für Nordkorea spricht./dg/DP/mis