MAGDEBURG/HALLE (dpa-AFX) – Der Kampf gegen den Fachkräftemangel ist aus Sicht von Wirtschaftsvertretern nur mit unkompliziert ermöglichter Zuwanderung zu gewinnen. In Sachsen-Anhalt gingen in den nächsten Jahren so viele Beschäftigte in Rente, dass 40 000 bis 50 000 Menschen am Arbeitsmarkt fehlen könnten, sagte der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Magdeburg, Wolfgang März, am Mittwoch. "Diese Lücke zu füllen, ist die Hauptaufgabe." Es brauche schnell ein Einwanderungsgesetz.

Hintergrund der erneuerten Forderung ist ein Ergebnis der aktuellen Konjunkturumfrage im Norden des Landes: Dort gaben zwei von drei befragten Unternehmen an, dass der Fachkräftemangel das größte Risiko für die weitere Entwicklung sei. Die IHK verzeichne einen wahren Ansturm von Unternehmen, die Beratungen und Kontakte nutzen wollen, um Jobs wegen Bewerbermangels durch ausländische Kräfte zu besetzen, sagte März. "Das reicht von der Gastronomie zu Pflegeberufen und dann geht das quer durch alle Schichten, eigentlich überall."

Die IHK und andere Verbände versuchten, die Betriebe zu unterstützen. Derzeit würden vor allem langjährige gute Kontakte genutzt, um kubanische, vietnamesische und ukrainische Arbeitskräfte zu gewinnen. Allerdings sei die Anwerbung mit einem "beachtlichen Prozedere" und sehr aufwendigen Einzelfallprüfungen verbunden.

Die theoretisch einfachere Anwerbung von jungen Azubis aus der Europäischen Union sei hingegen schwieriger geworden. Das liege daran, dass sich etwa in Südeuropa die wirtschaftliche Lage verbessert habe. Zum anderen lief mit dem EU-Projekt MobiPro eine wichtige Finanzierung von Sprachkursen in der Heimat aus. Seither müssten Betriebe allein in Vorleistung gehen – und das übersteige oft die Kräfte der Klein- und Mittelständler, sagte März.

Die schwarz-rote Bundesregierung hat ein Einwanderungsgesetz geplant. Es wird nicht nur von der Wirtschaft seit Jahren gefordert. Es müsse vor allem praktikabel und unkompliziert sein, forderten die Magdeburger IHK-Vertreter. Ihr Vorschlag: Ähnlich wie früher bei den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen könnten die Kammern entscheiden: Dieser Bewerber werde gebraucht – und dieser nicht.

Aktuell sei der Fachkräftemangel vor allem für das Verkehrsgewerbe bedrohlich, sagte IHK-Präsident Klaus Olbricht. Es fehlten Fahrer, auch von den EU-Nachbarn aus dem Osten gebe es kaum noch Nachwuchs. Zudem erwartet das Gewerbe steigende Benzinpreise. Im ganzen Land schätzte die Branche der IHK-Umfrage nach ihre Aussichten eher gedämpft ein. Damit war sie im Süden ein Ausreißer: Dort kletterte der Geschäftsklimaindex für das erste Quartal auf den höchsten Stand seit 1991, wie die IHK Halle-Dessau mitteilte. Bis auf das Verkehrsgewerbe waren alle Branchen in Hochstimmung. Im Norden herrschte trotz guter aktueller Lage etwas Zurückhaltung mit Blick auf künftige Geschäfte./hnl/DP/tos