PARIS/LONDON/ZÜRICH (dpa-AFX) – Die europäischen Börsen haben am Mittwoch mehrheitlich zugelegt und damit einen Teil ihrer Verluste der vorangegangenen zwei Handelstage wieder wettgemacht. Der EuroStoxx 50 , der Leitindex der Eurozone, rückte um 0,22 Prozent auf 3424,65 Punkte vor.

Im Mittelpunkt stand unter anderem die Notenbanksitzung der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Zinswende im Euroraum lässt weiter auf sich warten, wie der auf dem Rekordtief von null Prozent bleibende Leitzins zeigt. Die Notenbank sieht Wachstumsrisiken für die Eurozone, aber keine Rezession. Auf den Zinsentscheid und die anschließenden Aussagen von EZB-Präsident Mario Draghi hatte der EuroStoxx per Saldo kaum reagiert.

Der französische Leitindex Cac 40 stieg um 0,25 Prozent auf 5449,88 Punkte. Der britische FTSE 100 zeigte sich mit minus 0,05 Prozent auf 7421,91 Punkte nur wenig verändert.

In Sachen Brexit haben die Finanzmärkten kaum noch Zweifel, dass der Termin für den britischen EU-Austritt um etliche Monate verschoben wird, womit zumindest ein ungeordneter Austritt Großbritanniens erst einmal vom Tisch wäre. Die Blicke richten sich nun nach Brüssel, wo gerade der EU-Sondergipfel zum Brexit stattfindet und die 27 EU-Staaten darüber entscheiden wollten, welche Verlängerungsfrist sie den Briten anbieten.

Nach bisherigem Plan soll der Brexit am Freitag über die Bühne gehen – ohne, dass der zwischen der britischen Regierung und der EU vereinbarte Austrittsvertrag vom Parlament in London gebilligt wurde. Das würde einen chaotischen Ausstieg mit weitreichenden Folgen vor allem für die Wirtschaft nach sich ziehen.

Der schweizerische Leitindex SMI , der am Vortag noch ein Rekordhoch bei knapp unter 9629 Punkten erreicht hatte, gab moderat nach. Im Blick stand dort weiterhin der Augenheilkunde-Konzern Alcon , den der Pharmakonzern Novartis abgespalten und am Vortag an die Börse gebracht hatte. Die Aktien beider Konzerne sind nun im SMI zu finden. Analysten sahen den Schritt zwar positiv, erwarten aber, dass Novartis nun die Fokussierung auf den Pharmabereich erfolgreich vorantreibt. Nach der Trennung von Alcon passten zahlreiche Experten nun erst einmal ihre Kursziele an. Alcon gaben am Mittwoch 0,71 Prozent nach, Novartis verloren gut 3 Prozent.

Die US-Investmentbank Morgan Stanley hatte die Novartis-Papiere zudem auf "Underweight" abgestuft. Dank der Abspaltung und einiger Neuzulassungen hätten die Novartis-Aktien die von Roche im März abgehängt, schrieb Analyst Mark Purcell. Mit Blick auf die Bewertung müsse bei Novartis nun schon alles perfekt laufen, während das Papier von Roche mit einem Abschlag zu haben sei.

Branchenweit gab es nur wenige Verlierer. Größter unter diesen war der Gesundheitsektor mit minus 0,43 Prozent, während der Immobiliensektor mit plus 1,78 Prozent der Favorit unter den 19 Subindizes des Stoxx Europe 600 war. Immobilienwerten helfe die weiter lockere Geldpolitik der EZB, hieß es aus dem Handel.

Auch an der Spitze im EuroStoxx fand sich mit Unibail-Rodamco-Westfield ein Immobilienwert. Der Kontern, dessen Aktien um 3,63 Prozent vorrückten, verkauft die Pariser Büroimmobilie Tour Majunga für 850 Millionen Euro.

Die Anteile des Essenslieferdienstes Takeaway stiegen in den Niederlanden nach starken Bestelldaten für das erste Quartal zeitweise auf ein Rekordhoch bei 75,80 Euro und waren zum Schluss mit 73,80 Euro noch 0,82 Prozent mehr wert als am Vortag. Asos erreichten in London zeitweise den bisher höchsten Stand in diesem Jahr. Zum Handelsende belief sich das Plus noch auf fast 8 Prozent. Der britische Online-Versandhändler hatte Zahlen für das erste Geschäftshalbjahr vorgelegt und seinen Ausblick bekannt gegeben. Zwar waren die Gewinne erneut kräftig zurückgegangen, doch geschuldet war dies vor allem hohen Investitionen, die es so im kommenden Jahr nicht mehr geben sollte.

Der Handelskonzern Tesco gab ebenfalls Zahlen bekannt und auch einen Ausblick. Dank der Übernahme des Großhändlers Bookers war der Umsatz im abgelaufenen Geschäftsjahr (bis zum 23. Februar) deutlich gestiegen. Zudem ist Tesco zuversichtlich, die selbst gesteckten Margenziele für das neue Jahr 2019/20 zu erreichen. Die Papiere gewannen im Londoner Leitindex FTSE 100 mehr als dreieinhalb Prozent.

Im britischen Nebenwerte-Index FTSE 250 brachen dagegen die Anteile von Indivior um fast 72 Prozent ein. US-Staatsanwälte werfen dem Spezialpharmaunternehmen trügerische Gesundheitsaussagen zum Medikament Suboxone Film gegen Opioid-Abhängigkeit vor. Analysten zufolge könnte damit die gesamte Zukunft des Unternehmens infrage stehen.

Der Börsengang von Network International in London wurde mit Begeisterung aufgenommen. Im Vergleich zum Ausgabepreis von 435 Pence stiegen die Anteile um 20 Prozent auf 522 Pence. Der in Dubai ansässige größte Zahlungsabwickler im Mittleren Osten und Afrika sammelte mit dem IPO keine Gelder ein. Vielmehr hatten die Altaktionäre General Atlantic, Emirates NBD und Warburg Pincus insgesamt 200 Millionen ihrer Aktien verkauft. Der US-Kreditkartenkonzern Mastercard hatte als Ankerinvestor zusätzlich knapp 50 Millionen Aktien erworben. Mit einer Bewertung von knapp 2,2 Milliarden Pfund ist Network damit europaweit der bislang größte IPO in diesem Jahr./ajx/he