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PEKING (dpa-AFX) – Die Frustration über US-Präsident Donald Trump eint die asiatischen Rivalen. Auch realisieren China und Japan in den Handelsspannungen mit den USA, wie wichtig doch die Kooperation der zweit- und drittgrößten Volkswirtschaft ist. So unterzeichneten beide Seiten beim ersten bilateralen Besuch von Japans Regierungschef Shinzo Abe in Peking am Freitag gleich eine ganze Serie von Kooperationsabkommen. Während Trump im Handelsstreit den Druck sowohl auf China als auch Japan erhöht, versuchen beide, als Gegengewicht ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit deutlich auszubauen.

In langen schwarzen Mänteln mussten Abe und Chinas Regierungschef Li Keqiang vor der Großen Halle des Volkes die militärische Ehrengarde abnehmen, denn die erste Kaltfront des nahenden Winters fegte über die chinesische Hauptstadt. Aber drinnen, in dem monumentalen Bau, ging es warmherzig zu. Staats- und Parteichef Xi Jinping bereitete Japans Premier, der noch nie zu einem bilateralen Besuch nach China gekommen war, einen ehrenvolle Empfang mit feierlichem Abendbankett.

Dabei war Abe in Peking jahrelang "Persona non grata" gewesen, schlicht unerwünscht. Seine rechtskonservative Politik hatte die – ohnehin durch Japans Vergangenheit als Aggressor im Zweiten Weltkrieg belasteten – Beziehungen zu China auf den tiefsten Stand seit Jahrzehnten fallen lassen. Unvergessen ist die düstere Mimik der beiden Staatsmänner auf Bildern von Begegnungen auf internationalen Gipfeln, wo sie sich nicht aus dem Weg gehen konnten.

Aber jetzt herrscht pragmatisches Tauwetter. Selbst im Territorialstreit im Ostchinesischen Meer, der 2012 die Beziehungen schlagartig gefrieren ließ, wurden vertrauensbildende Maßnahmen vereinbart. Immer wieder kamen sich Schiffe beider Seiten in der Nähe der Chinesisch Diaoyu und Japanisch Senkaku genannten, umstrittenen Inseln gefährlich nahe. Künftig wollen China und Japan in Such- und Rettungsaktionen bei Seezwischenfällen kooperieren. Der einst erbitterte Inselstreit wird heruntergespielt, schlicht vertagt.

Beide sollten "von Wettbewerb", sprich Rivalität, "zu Zusammenarbeit" umschalten, gab Abe bei einem Treffen mit Premier Li Keqiang die neue Linie vor. Er sucht nichts weniger als eine "neue Ära": "Japan und China sind Nachbarn und Partner. Wir werden keine Bedrohung füreinander sein." Ähnlich versöhnlich äußerte sich Chinas Premier: "Wir sind Kooperationspartner füreinander – keine Bedrohung." Die Beziehungen seien "auf den normalen Weg zurückgekehrt". Da könne auch eine neue Phase in Wirtschaft und Handel beginnen.

Greifbares Zeichen für den Neuanfang ist die Wiederaufnahme des Währungstauschs zwischen beiden Zentralbanken, der auch im Inselstreit 2012 ausgesetzt worden war. Im Krisenfall wollen sich beide Seiten künftig wieder gegenseitig Yuan und Yen leihen, was die finanzielle Stabilität sichern soll. Es wurde ein Rahmen von umgerechnet 30 Milliarden US-Dollar vereinbart.

Auch wird die Kooperation bei Infrastrukturprojekten in Drittländern ausgeweitet. Abkommen für mehr als 50 Projekte wurden unterzeichnet. China hofft auf eine Beteiligung Japans an seiner Initiative für eine "Neue Seidenstraße" zum Bau von Wirtschaftskorridoren von China nach Südostasien, Europa oder Afrika. Eine Mitarbeit Japans könnte das Ansehen des umstrittenen, geostrategischen Vorhabens verbessern.

Abe betonte die Notwendigkeit, dabei "internationale Standards" zu befolgen. Die Infrastrukturvorhaben müssten transparent und wirtschaftlich vernünftig sein, ging er auf die Kritik ein. Auch müsse die finanzielle Lage der Länder berücksichtigt werden. Aber auch hier keine Misstöne. Beide ziehen erstmal an einem Strang.

So sehen Analysten in Japan die Annäherung an China auch als "Riesenschritt nach vorne". Japan und China, so erklärt Martin Schulz, Ökonom am Fujitsu Research Institute in Tokio, hätten schon in den beiden vergangenen Jahren auf Regierungs- und Unternehmensebene wieder enger zusammengearbeitet. Auf oberster Ebene aber sei es erst jetzt zum "großen Sprung" gekommen. Jetzt gehe es um eine konkrete Zusammenarbeit, die über die Konsultationen hinausgehe.

Die neue "Partnerschaft" mit Peking übt indirekt Druck auf die USA aus, auch wenn dies zu keiner direkten Konfrontation führen dürfte. Japan wird auch in Zukunft auf den sicherheitspolitischen Schutz durch seinen Verbündeten USA bauen müssen, heißt es. Zugleich aber will Japan, dass es als Partner in Washington ernst genommen wird.

Tokio steht etwas außen vor. Aus den Verhandlungen um den Atomkonflikt mit Nordkorea ist Japan praktisch raus. Und auch bei den Handels- und Investitionsabkommen gehen die USA jetzt rein bilateral vor. Die Strafzölle auf Stahl betreffen auch Japan. Und im Januar stehen schwere Handelsgespräche mit den USA an, die mehr nach Japan exportieren wollen. So stärkt Abe seine Position und signalisiert durch sein Agieren wie jetzt in Peking, dass Japan nicht übergangen werden kann./lw/ln/DP/jha