FRANKFURT (dpa-AFX) – Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag wie erwartet ihre Zinsen nicht angetastet. Präsident Mario Draghi verwies auf zuletzt etwas schwächere Konjunkturdaten. Das bisherige Basisszenario bleibe aber intakt. Die Nettoanleihekäufe sollen wie bisher angekündigt zum Jahresende auslaufen.

Das sagen Experten zu den Beschlüssen:

Uwe Burkert, Chefvolkswirt und Leiter LBBW Research:

"Die EZB bleibt bleibt ihrem Plan, die Netto-Anleihekäufe zu beenden und die Leitzinsen frühestens im zweiten Halbjahr 2019 anzupassen. Natürlich wird sie jetzt aufmerksam beobachten, was in Italien passiert, wie die Finanzmärkte reagieren und ob die gegenwärtig sichtbare Abschwächung nur temporär ist oder sich noch ausweitet. Aber im Grunde wurden alle wichtigen Entscheidungen auf den Dezember-Termin vertagt. Dann wird es spannend: Wir bekommen neue Projektionen und erfahren, was mit der Wiederanlage geschieht. Außerdem passt die EZB ihren Kapitalschlüssel an, aber das wird wohl nur geringe Auswirkungen auf die EZB-Politik haben."

Ralf Umlauf, Analyst bei der Landesbank Hessen-Thüringen:

"Die geldpolitische Strategie der EZB hat sich nicht verändert. (…) Die zögerliche Haltung dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass der Anstieg der Kern-Verbraucherpreise noch nicht zufriedenstellend ist. Zudem hat sich die konjunkturelle Dynamik abgeschwächt und die Risiken sind zuletzt gestiegen.

Friedrich Heinemann, Ökonom beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW):

"Die Zögerlichkeit der EZB, endlich auch formal das Ende der Anleihekäufe für das Jahresende zu beschließen, ist ungeschickt und gefährlich. Als Reaktion auf die Eskalation im Haushaltsstreit mit Italien wäre eine klare Entscheidung besser gewesen. EZB-Präsident Mario Draghi sollte unmissverständlich klar machen, dass die Finanzminister der Eurozone ab 2019 nicht mehr auf Finanzierungshilfe der Notenbank hoffen können."

Stefan Große, Analyst bei der NordLB:

"Die EZB befindet sich in einer unangenehmen Situation. Die Störungen durch Brexit, Italien und Handelskrieg hinterlassen zunehmend Spuren an den Finanzmärkten. Dies und die damit teilweise auch zusammenhängende konjunkturelle Abkühlung sind durchaus Hindernisse. Allerdings spricht alles dafür, dass zumindest das Ende der Nettoankäufe verkraft- und rechtfertigbar bleibt. So ist die Inflation nicht zu niedrig und die wirtschaftliche Verfassung auf jeden Fall noch robust genug. Die Europäische Zentralbank wird also den Pfad der Normalisierung fortsetzen und sich von der zunehmend holprigen Strecke zumindest kurzfristig nicht ablenken lassen."

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP-Bank:

"Mario Draghi sieht trotz der aufkommenden Wolken am Konjunkturhimmel, keinen Grund den Kurs zu ändern. Klar ist, dass die EZB zunächst die neuen Projektionen ihrer Volkswirte abwarten will. Mario Draghi betonte dies mehrfach. Die neuen Schätzungen für das Wirtschaftswachstum als auch für die Inflation werden im Dezember vorliegen. Auf Basis dieses Zahlenmaterials wird dann die geldpolitische Ausrichtung justiert. Sollte sich bis dahin der wirtschaftliche Ausblick nicht noch weiter deutlich verschlechtern, wird die EZB ihre Anleihekäufe einstellen. Der Notenbankvorsitzende machte aber auch deutlich, dass die EZB stets handlungsbereit sei."

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