FRANKFURT (dpa-AFX) – Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag nach fast vier Jahren das Ende ihrer Nettoanleihekäufe verkündet. Die Zinsen wurden nicht angetastet. Präsident Mario Draghi äußerte sich zur wirtschaftlichen Entwicklung etwas skeptischer als zuletzt.

Das sagen Experten zu den Beschlüssen:

Ralf Umlauf, Analyst bei der Landesbank Hessen-Thüringen:

"Die Beschlüsse der EZB überraschen nicht. Das Ende der monatlichen Anleihekäufe wurde lange in Aussicht gestellt und dass es die Währungshüter mit der Zinswende nicht eilig haben, war ebenso bekannt. Die zögerliche Haltung dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass der Anstieg der Verbraucherpreise – insbesondere mit Blick auf die Kernteuerung – noch nicht zufriedenstellend ist und es bislang keine Anzeichen gibt, dass sich die konjunkturelle Dynamik in der Eurozone wieder erhöht."

Friedrich Heinemann, Ökonom beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW):

"Gerade nach dem kritiklosen Persilschein des Europäischen Gerichtshofs für das Kaufprogramm dürften mit jeder Hiobsbotschaft zur Konjunktur die Spekulationen um eine erneute Aktivierung des Programms in 2019 rasch zunehmen. Die EZB geht in den nächsten Konjunkturabschwung ohne irgendwelchen Spielraum bei den konventionellen geldpolitischen Instrumenten. Umso mehr wird sie sich weiter aus dem hochproblematischen Arsenal der unkonventionellen Geldpolitik bedienen müssen. Die Grenzen zwischen Geldpolitik und Staatsfinanzierung werden in der Eurozone weiter verschwimmen. Über diese Entwicklung können sich eigentlich nur populistische Regierungen mit hohen Staatsdefiziten freuen."

Christian Lips, Analyst bei der NordLB:

"Die EZB hat wie erwartet beschlossen, die Nettoankäufe zum Jahreswechsel zu beenden. Zugleich deutete sie in ihrer Forward Guidance an, dass Fälligkeiten aus dem Programm für eine lange Zeit noch reinvestiert werden – aus unserer Sicht zumindest bis zum Jahr 2021. Trotz leichter Korrekturen bei den Projektionen bleibt die EZB optimistisch, auch wenn Mario Draghi die Abwärtsrisiken für den wirtschaftlichen Ausblick betonte. Wir sehen ebenfalls keinen Anlass für Alarmismus. Dennoch: Brexit, Trump und Italien besitzen ein massives Abwärtspotenzial, sofern die Risiken schlagend werden sollten!"

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP-Bank:

"Vorerst wird es auch zu keiner Zinserhöhung kommen – zumindest nicht vor Ende des Sommers 2019. Bei aller Ehrfurcht vor komplexen geldpolitischen Analysen, der gesunde Menschverstand sagt: Läuft die Konjunktur rund, kann die EZB eine Zinserhöhung zum Jahresende 2019 vollstrecken. Dabei dürfte es zunächst nicht um eine Erhöhung des Refinanzierungssatzes gehen, sondern um eine sachte Anhebung des negativen Einlagesatzes. Eine Erhöhung des Refinanzierungssatzes wird wohl ein Thema für das Jahr 2020 – vorausgesetzt die Wirtschaft läuft auch dann noch rund."

Paul Diggle, Volkswirt bei Aberdeen Standard Investments:

"Bei der Entscheidung, das QE jetzt zu beenden, geht es mehr um Politik als um Wirtschaft. Die Beendigung der Nettoanleihekäufe wird den Falken im EZB-Rat, insbesondere den Deutschen, gefallen, und wenn man beide Augen zudrückt, können die Wirtschaftsdaten die Entscheidung gerade noch rechtfertigen. Die Zentralbank hat nach wie vor große Hoffnungen, dass Wachstumsbereiche entstehen und die Kerninflation zunimmt, wenn die Löhne steigen. Aber beides scheint zu optimistisch, wenn man bedenkt, was sonst noch in der Welt, geschweige denn in Europa, vor sich geht. Es ist davon auszugehen, dass Draghi selbst jetzt nicht mehr dazu kommen wird, die Zinsen zu erhöhen."/jsl/bgf/fba